Im Büro hat dich eine gewisse Unordnung begrüßt. Gegenstände lagen nebeneinander, übereinander, durcheinander. Hinweise waren vorhanden, aber nichts war klar hervorgehoben. Für deine Suche nach den fehlenden Rohrstücken gab es keinen eindeutig markierten Startpunkt, keine sichtbare Reihenfolge, keine Priorisierung. Du musstest selbst entscheiden, wo du beginnst. Was ist wichtig? Was gehört wohin? Was kann ich erst einmal ignorieren?
Vielleicht hast du versucht, Struktur herzustellen, indem du dich auf einen Bereich konzentriert hast. Vielleicht bist du von einem Objekt zum nächsten gewechselt. Vielleicht hast du gemerkt, dass deine Aufmerksamkeit immer wieder springt, weil neue Reize auftauchen. Die Aufgabe war nicht an sich schwierig, aber der Raum war voll und hat die Sicht auf vieles versperrt. Vielleicht hat dich das mehr Energie gekostet, als du erwartet hast.
Vielleicht hast du dich gefragt, warum nichts klarer markiert ist. Warum Hinweise nicht eindeutiger sind. Warum du dich im Chaos des Raums selbst sortieren musst. Es ist ein Raum, in dem Wahrnehmung und Verarbeitung selbst zum Thema werden. Wie gehst du mit Gleichzeitigkeit um? Wie viele Reize kannst du filtern? Wann wird es anstrengend?
Im Büro ging es darum, wie unterschiedlich Menschen Informationen verarbeiten und wie anstrengend es sein kann, wenn viele Reize gleichzeitig Aufmerksamkeit verlangen oder Intentionen unklar sind. Der Raum gibt keine klare Struktur vor. Es gibt keine eindeutige Reihenfolge, in der die Rohrstücke zu finden sind, keinen sichtbaren Anfang. Du musst filtern, sortieren, gewichten. Was ist relevant? Was kann ich ignorieren?
Für neurodivergente Menschen, die z.B. mit ADHS oder mit einer Autismus-Spektrum-Störung leben, ist genau dieses Filtern besonders anstrengend. Sie nehmen teilweise Reize intensiver wahr oder sie werden weniger automatisch gefiltert. Strukturen, die für andere selbstverständlich sind, müssen bewusst hergestellt werden und fehlende Eindeutigkeiten in der Kommunikation können ein echtes Hindernis werden.
In einem Interview beschreibt Sieglinde G., die mit Asperger-Syndrom lebt, ihre Erfahrung so:
„Ich habe insbesondere Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation und Interaktion. Ich tue mich sehr schwer, Smalltalk zu betreiben. Autisten kommunizieren sehr gerne auf der sachlichen und faktischen Ebene. Mir fällt es schwer zu antworten, wenn mich jemand fragt, wie es mir geht oder wie meine Woche verlaufen ist. Das wäre eine wahnsinnig komplizierte Frage, weil ich dann erstmal überlegen müsste, wann fing die Woche an? Heute ist Dienstag, was war seit Dienstag vor genau einer Woche? Oder was war seit gestern, wo die Woche losging? Da würde mein Kopf sehr viel filtern, das kommt nicht intuitiv. Ganz banale Fragen bereiten mir sehr viele Schwierigkeiten.“
(Link: Unterwegs mit dem Asperger-Syndrom – Interview mit Sieglinde G.)
Der Raum versucht, dieses Erleben in eine räumliche Erfahrung zu übertragen: Viele Eindrücke, wenig Struktur, mehrere mögliche Ansätze. Die Herausforderung liegt nicht im einzelnen Element, sondern in der Gleichzeitigkeit.
Vielleicht nimmst du aus diesem Raum mit, dass Überforderung nicht nur dort entsteht, wo sie für dich sofort sichtbar ist. Was für die einen abwechslungsreich wirkt, kann für andere schnell zu viel werden.
Neurodivergenz bedeutet, dass Wahrnehmung und Verarbeitung anders funktionieren können. Vielleicht schaust du nach diesem Raum etwas genauer hin: Wie gestaltest du selbst Arbeits- oder Lernsituationen? Gibt es klare Strukturen? Gibt es Pausen? Gibt es die Möglichkeit, Dinge in eigenem Tempo zu strukturieren?
Wenn wir über Teilhabe und Inklusion nachdenken, ist ein wichtiger Schritt, insbesondere auch an die Lebenswelten zu denken, die erstmal unsichtbar bleiben. Der Versuch, nachzuvollziehen, wie sich die Welt für neurodivergente Menschen gestaltet, kann ein Einstieg sein um zugänglichere Formate und angenehmere Räume für alle zu schaffen.
Weiterlesen: „ADHS im Erwachsenenalter“ (Link), ein Erfahrungsbericht über den Prozess, ADHS im Erwachsenenalter zu erkennen.
Weiterlesen: „ADHS-Erfahrungsberichte“ (Link), eine Sammlung von verschiedenen Berichten Betroffener.
Weiterschauen: „Autismus bei Frauen – Spät erkannt, lange gelitten“ (Link), ein Beitrag des SRF, in dem drei Frauen ihre Geschichte erzählen.