Raum 4

DIE GALERIE

Raum 4 | Die Galerie | Was habe ich erlebt?

In der Galerie solltest du Bilder bestimmten Symbolen zuordnen. Du hast Entscheidungen getroffen, bevor du genau wusstest, worum es inhaltlich geht. Die Symbole boten Anhaltspunkte, aber keine vollständige Erklärung. Vielleicht hast du nach Mustern gesucht oder dich gefragt, ob es eine versteckte Logik gibt.

Vielleicht hast du versucht, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Eventuell hast du auch ausprobiert und korrigiert, wenn etwas nicht funktionierte. Du hattest Bilder. Du hattest Zeichen. Aber du hattest noch keinen definitiv erklärenden Zusammenhang. Erst nachdem du die Bilder platziert hattest, wurde ein Audioguide abgespielt. Genauere Informationen zum gesuchten Bild kamen also erst im Nachhinein. Vielleicht hattest du einen Moment des Verstehens: „Ach, darum ging es.“ Vielleicht hast du aber auch gemerkt, dass diese Einordnung früher hilfreich gewesen wäre.

Raum 4 | Die Galerie | Worum ging es hier?

In der Galerie ging es erneut darum, wie sehr Verständlichkeit davon abhängt, über welchen Kanal Information zugänglich ist. Du hast dich in diesem Raum ausschließlich auf visuelle Zeichen verlassen müssen. Die Symbole mussten eindeutig interpretiert werden, obwohl du ihren Hintergrund noch nicht kanntest. Es gab keine zusätzliche Erklärung, keine parallele Einordnung. Du warst darauf angewiesen, dass die Zeichen für sich sprechen und dass du sie richtig deutest.

Erst später wurde eine genauere Erklärung der Bilder im Audioguide hörbar. Damit verschiebt der Raum bewusst die gewohnte Reihenfolge: In vielen Situationen im Alltag werden Informationen selbstverständlich gesprochen. In Durchsagen, in Führungen, in Gesprächen wird davon ausgegangen, dass alle hören können und dass gesprochene Information ausreicht.

Für Menschen mit Hörbeeinträchtigungen ist genau das eine Barriere. Wenn Inhalte nur auditiv vermittelt werden, bleibt ihnen ein Teil der Information verborgen oder sie erhalten sie verspätet, bruchstückhaft oder über Umwege. Sie sind dann darauf angewiesen, visuelle Hinweise, Lippenbewegungen oder Kontext zu interpretieren. 

Ellen Brinker, Studierende und wissenschaftliche Hilfskraft, berichtet über ihren Studienalltag mit Hörbeeinträchtigung: 

„Im Studienalltag ist es schwierig für mich, wenn Gruppenarbeiten anstehen, da ich aufgrund der vielen Gruppenteilnehmer*innen und der dadurch entstehenden Lautstärke sowie dem schnellen Wort- und Themenwechsel, nicht mehr mitkomme und von den Lippen ablesen muss. Man kann sich vorstellen, wie schwierig es sein kann, in einer Gruppe ständig von den Lippen abzulesen. Dazu kommt, dass viele Menschen kein sauberes Mundbild haben und undeutlich oder zu leise sprechen, das macht es dann noch schwieriger für mich Es würde meinen Studienalltag erleichtern, wenn die Dozierenden alle Folien zum Seminar/zu einer Vorlesung zur Verfügung stellen würden und wenn alle Folien ausreichend Informationen erhielten.“

(Link: Erfahrungsbericht von Ellen Brinker)

Was im Spiel nur eine kurze Verzögerung war, kann im Alltag bedeuten, dauerhaft außen vor zu bleiben. Die Galerie lädt dazu ein, Kommunikation nicht als selbstverständlich zu betrachten. Teilhabe beginnt dort, wo Information so gestaltet ist, dass niemand darauf angewiesen ist, Lücken schließen zu müssen.

Raum 4 | Die Galerie | Was nehme ich mit?

Vielleicht nimmst du aus diesem Raum mit, dass Kommunikation mehr sein muss als das, was gesagt wird. Wie in Raum 2, der Sammlung, ging es darum, welche Informationen für wen zugänglich gemacht werden. Es ging darum, dass ein Kommunikationskanal vorausgesetzt wird.

In vielen Situationen im Alltag gilt gesprochene Sprache als selbstverständlich. Wer nicht oder nur eingeschränkt hören kann, muss dann auf visuelle Hinweise, Kontext oder Lippenbewegungen zurückgreifen – oft ohne Gewissheit, alles mitzubekommen.

Was für dich in der Galerie nur ein kurzer Moment ohne Kontext war, kann im Alltag von Menschen mit Hörbeeinträchtigung bedeuten, dauerhaft Lücken schließen zu müssen. Nicht, weil Informationen nicht gegeben werden, sondern weil sie nicht zugänglich sind.

Vielleicht schaust du nach diesem Raum bewusster auf Kommunikationssituationen: Wer bekommt Informationen direkt? Wer muss sie sich zusammensetzen? Und wie lassen sich Inhalte so gestalten, dass niemand darauf angewiesen ist, Unvollständiges zu interpretieren? Inklusion bedeutet hier, Kommunikation von Anfang an mitzudenken, nicht als Zusatz, sondern als Voraussetzung für Teilhabe.

Weiterlesen: Menschen mit Schwerhörigkeit erzählen“ (Link), eine Sammlung von Erfahrungsberichten von Menschen mit Hörbeeinträchtigungen.

Weiterlesen: Eure Welt ist mir zu laut“ (Link), ein Interview mit Andreas Blaser, der von Geburt an gehörlos ist.